Felix Tirschmann

Soziologie; Deutsche Literatur; Kunst- und Medienwissenschaften
Universität Dortmund, Universität Konstanz

Säkularisierung und Transzendenz.
Zur Rekonstruktion von Todesvorstellungen in der modernen Gesellschaft

Felix Tirschmann studierte Soziologie, Deutsche Literatur und Kunst- und Medienwissenschaften an der Universität Konstanz. Magisterarbeit zum Thema Semantik und Funktion von Seelenvorstellungen. Mehrjährige Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft im DFG-Projekt „Zur Rekonstruktion von Todesvorstellungen im ost-westdeutschen Vergleich“. Nach dem Studium Lehrauftrag an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit Oktober 2007 Stipendiat im Graduiertenkolleg des Humanismus-Projekts.


Dissertation

Säkularisierung und Transzendenz.
Zur Rekonstruktion von Todesvorstellungen in der modernen Gesellschaft
(Betreut von Prof. Dr. Ronald Hitzler, Universität Dortmund und
Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner, Universität Konstanz)

Der Tod ist heute zu einem unlösbaren Problem geworden. Diese historisch neue Situation wird augenscheinlich auf zwei Faktoren zurückgeführt. Zum einen hat sich die moderne Gesellschaft im Prozess ihrer Säkularisierung von den traditionellen Vorstellungen der Transzendenz weitgehend gelöst. Das über jahrhundertelang bestimmende Weltbild des Christentums, zumindest gilt dies für unseren Kulturkreis, verliert immer mehr an Deutungshoheit. Zum anderen wird der Tod zunehmend medikalisiert, in hochspezialisierte Teilsystem ausgelagert und einer neuen Expertenschaft überantwortet. Ebendiese ist jedoch nicht mehr in der Lage, ihrerseits ein allgemein verbindendes und verbindliches Deutungssystem bereitzustellen, welches über das Hier und Jetzt hinausweist und dem Tod seinen einzigartigen Sinn verleiht. Tabuisiert und aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verdrängt, hat der Tod seinen festen Platz in den symbolischen Haushalten und rituellen Ordnungen der vornehmlich westlichen Gesellschaften eingebüßt.

Diese, bisweilen heute noch in den Sozialwissenschaften vertretende Verdrängungsthese, wird im Spiegel jüngster empirischer Untersuchungen mehr und mehr fragwürdig. Für eine erkennbare Veränderungen im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod spricht nicht nur, dass im Bereich der Lebenswelten neue symbolische Verflechtungen und rituelle Allianzen auffällig werden. Neben persönlichen Erinnerungsritualen, virtuellen Friedhöfen, und selbst gestalteten Särgen und Gräbern, sind es insbesondere die geführten und umkämpften Diskurse um Sterbehilfe, Hospizbewegung oder Palliativ Care, die zu einer Transformation der Sterbekultur führen.

Das Forschungsinteresse des Dissertationsvorhabens richtet sich auf diesen vielschichtigen Prozess, der als Kultivierung des Todes beschrieben werden kann. Als Datengrundlage dienen narrative Interviews, die mit Mitgliedern unterschiedlicher Konfessionsgruppen, wie auch Konfessionslosen, in verschiedenen Teilen Deutschlands geführt werden. Befragt werden außerdem Expertinnen und Experten, die sich über ihren Beruf mit dem Thema Tod auseinander setzen. Mit den Verfahren einer hermeneutischen Wissenssoziologie werden die Interviews interpretiert, Alltagstheorien und Deutungsmuster rekonstruiert und auf ihre spezifischen Funktionen und Semantiken hin untersucht.
Hierbei geraten nicht nur die verschiedenen Todesbilder und Vorstellungswelten in den Blick, sondern, neben Ursachen und Strategien, auch Bedingungen und Konsequenzen, die zu einem ‚erfolgreichen’ Umgang mit dem Tod führen können. Konturen einer humanistischen Thanatologie werden somit formulierbar, die sich den neuen Herausforderungen des Todes stellt und Leitlinien für einen menschlichen Umgang mit dem Ende des Menschen begründet.



gefördert durch:

Mercator Stiftung

Projektträger:

Kulturwissenschaftliches Institut NRW